Biomechanik trifft Reitsport
Kleine Sensoren am Pferdebein liefern Daten zur Bewegung und Belastung auf verschiedenen Reitböden.
Foto: Cara Hagen
Wie beeinflusst der Untergrund die Belastung von Pferd und Reiter? Dieser Frage geht das Forschungsprojekt „IRINA“ nach, an dem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Hochschule Magdeburg-Stendal und der Hochschule Osnabrück beteiligt sind. Ziel ist es, erstmals systematisch zu untersuchen, wie unterschiedliche Reitböden auf die Biomechanik von Pferden wirken.
Bisher existieren keine evidenzbasierten biomechanischen Erkenntnisse darüber, wie Reitböden optimalerweise aufgebaut sein sollten, und welche entsprechenden Eigenschaften sie im Bewegungsablauf des Pferdes erfüllen sollten. „Wir wissen im Grunde noch gar nicht genau, was für Pferde biomechanisch gut oder schlecht ist“, erklärt das Forschungsteam um Prof. Dr. Olaf Ueberschär und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Lara Klinger. Genau hier setzt das Projekt an: Die Forschenden untersuchen die Wechselwirkung zwischen Bodeneigenschaften und der Belastung von Pferd und Reiter.
Für die Messungen wurden jeweils zwölf Pferd-Reiter-Paare auf verschiedenen Trainingsanlagen analysiert. Die Tiere absolvierten auf zwei typischen Reitplatzbelägen mit reinem Sand sowie Sand mit Vlieszusatz ein standardisiertes Programm aus Schritt, Trab und Galopp. Der Ablauf ähnelte einer einfachen Dressuraufgabe, sodass die Bewegungen gut vergleichbar waren.
Während die Hochschule Osnabrück die Eigenschaften der Reitböden analysierte, übernahm das Team der Hochschule Magdeburg-Stendal die Bewegungsanalyse. Dafür wurden kleine Sensoren an den vier Beinen und am Rumpf der Pferde sowie am Reiter angebracht. Die Sensoren messen Beschleunigungen und liefern damit Hinweise auf die Belastung der Gliedmaßen in dem Moment, wenn der Huf den Boden berührt.
Erste Auswertungen bestätigen: Die Belastung steigt mit der Geschwindigkeit der Gangart. Im Galopp treten die höchsten Beschleunigungsspitzen auf. Gleichzeitig sind die Unterschiede zwischen einzelnen Pferden sehr groß. „Die Bewegungsmuster sind individuell“, erklärt das Team. Dennoch lassen sich erste Tendenzen erkennen. Beim sogenannten „Hoof-On-Moment“, also beim Aufsetzen des Hufs auf den Boden, zeigten sich auf Sand-Vlies-Böden im Durchschnitt höhere Beschleunigungsspitzen als auf reinem Sand. Bei anderen Bewegungsphasen sind die Unterschiede weniger eindeutig.
Die Forschung ist technisch anspruchsvoll: Pferde erzeugen deutlich höhere Beschleunigungen als menschliche Sportler. Deshalb mussten im Projektverlauf leistungsfähigere Sensoren eingesetzt werden. Dies sorgte nicht nur für eine bessere Messauflösung, sondern auch für eine deutlich größere Datenmenge.
Langfristig könnten die Ergebnisse praktische Auswirkungen haben. Trainerinnen und Trainer könnten Trainingseinheiten künftig gezielter planen und besser einschätzen, wie stark Pferde muskuloskelettal, also die Beanspruchung des Bewegungsapparats aus Muskeln, Knochen, Sehnen und Gelenken belastet werden. Auch für Hersteller von Reitböden könnten die Daten wertvolle Hinweise liefern.
Ein zentrales Ziel ist zudem die Prävention von Verletzungen. „Gerade im Hinblick auf das Thema Tierwohl ist es wichtig zu verstehen, wie Training und Untergrund zusammenwirken“, betonen die Forschenden.
Das Projekt ist noch nicht abgeschlossen, die Ergebnisse werden im Herbst 2027 erwartet. In den kommenden Monaten sollen weitere Messungen folgen. Dann gezielt auf disziplinspezifischen Böden für Dressur- und Springreiten.
Text: Paula Charlotte Völker


