„Wendekinder" im Umbruch ab 1989
Es gibt bereits wissenschaftliche Literatur über die „Wendekinder“. Das neue Projekt beurteilt frühere Quellen nun aber mit historischer Distanz. Foto: Gesine Schuster
„Wendekinder" im Umbruch ab 1989
und ihr politisches Denken heute: Im Zentrum der Untersuchung stehen jene, die 1990 zwischen zwölf und 14 Jahre alt waren – Kinder, die zur Zeit der Vereinigung der beiden deutschen Länder Siebtklässler in Sachsen-Anhalt waren.
Wer sind eigentlich die sogenannten „Wendekinder“? Und gibt es diese Generation überhaupt? Der Begriff sei keineswegs eindeutig, betont Dr. Gesine Schuster aus dem Forschungsteam an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Geleitet wird es von Claudia Dreke, Soziologie-Professorin in den kindheitswissenschaftlichen Studiengängen an der Hochschule. Zwar sprechen einzelne Studien von einer eigenen Generation, doch fehle bislang die nötige historische Distanz, um dies abschließend beurteilen zu können. In der Regel sind damit Menschen gemeint, die zwischen etwa 1973 und 1984 geboren wurden. Im Zentrum der aktuellen Untersuchung stehen jedoch gezielt jene, die 1990 zwischen zwölf und 14 Jahre alt waren – Kinder, die zur Zeit der Vereinigung der beiden deutschen Länder Siebtklässler in Sachsen-Anhalt waren.
Ausgangspunkt des Forschungsprojekts ist ein besonderer Datenschatz: Aufsätze aus der ersten deutsch-deutschen Jugendstudie von 1990. Die Schülerinnen und Schüler sollten darin ihre persönliche Zukunft im vereinigten Deutschland und ihre Wünsche, Hoffnungen, Sorgen und Ängste beschreiben. Während die groß angelegte quantitative Studie damals umfassend ausgewertet wurde, blieben diese Texte weitgehend unbeachtet.
Diese Texte eröffnen Einblicke in die Gedankenwelten junger Menschen in einer historischen Umbruchsphase. Manche äußerten sich politisch, andere sehr persönlich. Besonders spannend ist hier eine doppelte Perspektive: Die Jugendlichen erlebten nicht nur die gesellschaftliche Transformation. Sondern sie konnten zugleich ihren eigenen biografischen Übergang von der Kindheit zur Jugend erleben. Das Team arbeitet mit Methoden rekonstruktiver Sozialforschung, insbesondere mit der Dokumentarischen Methode. Das bedeutet, dass die Forschenden ohne vorgefertigte Hypothesen an das Material herangehen. Nicht nur der Inhalt zählt, sondern auch die Art und Weise des Schreibens der Aufsätze: Wortwahl, Satzstruktur oder sogar sichtbare Korrekturen werden in die Analyse einbezogen.
Erste Eindrücke zeigen eine große Bandbreite an Perspektiven. Besonders präsent in den Texten ist das Thema Arbeit, verbunden mit Hoffnungen auf sichere Arbeitsplätze, aber auch mit existenziellen Ängsten vor Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg. Auch Umweltfragen oder Sorgen vor gesellschaftlichen und politischen Veränderungen spielten eine Rolle. Deutlich wird vor allem: Die ostdeutsche Gesellschaft war auch im Hinblick auf ihre Kinder bzw. Jugendlichen keineswegs homogen. Die Texte machen unterschiedliche Erfahrungen, Milieus und Deutungen sichtbar. Und diese könnten unterschiedliche Folgen haben.
Noch steht das Projekt am Anfang. Die Forschenden hoffen, einen Beitrag zum besseren Verständnis heutiger gesellschaftlicher Spannungen leisten zu können. Die damaligen „Wendekinder“ sind heute in ihren 40ern und 50ern. Ob und wie ihre Umbruchserfahrungen in die Gegenwart hineinwirken, sollen biografische Interviews mit den nunmehr Erwachsenen zeigen. Langfristig soll die Forschung nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse liefern, sondern auch den gesellschaftlichen Dialog ermöglichen. Dazu trägt es auch als Teil des Gesamtprojekts „Transformation und Demokratie in Sachsen-Anhalt“ (TRANSDEM) bei, das am Institut für demokratische Kultur (IdK) an der Hochschule Magdeburg-Stendal angesiedelt ist.
Text: Paula Charlotte Völker


